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Antú Romero Nunes / Theater Basel
Ein Stück über Armut und Reichtum
Emma gehört zu den Privilegierten. Sie ist erfolgreich, hat einen netten Partner, mit dem sie das Leben der Reichen und Schönen lebt – double income, no children. Sie wohnen in der Schweiz, genauer in Zürich, «dieser Herzkammer des Kapitalismus». Warum also sollte sich Emma ihrer Vergangenheit stellen, sich fragen, weshalb sie bei Adoptiveltern aufgewachsen ist, und warum ihre Mutter sie aufgegeben hat und dann für immer verschwunden ist. Aber sie hat Alpträume: Ungelöstes, Unverarbeitetes, Verdrängtes scheint in ihr zu rumoren. Und so gibt sie, zuerst nur widerwillig, den Stimmen nach, die sie drängen, sich auf eine Spurensuche zu begeben. Zurück in ihre Kindheit und darüber hinaus. Mitsamt seiner Protagonistin Emma, dargestellt von der wunderbar wandelbaren Gina Haller, versinkt das Stück, versinken wir in eine andere Zeit – eine deutlich härtere, kältere, ärmere. Wir tauchen ab in eine Schweiz, die wir – genau wie Emma – gern vergessen und verdrängen würden, weil sie abweisend, patriarchal, bünzlig, selbstgefällig und fremdenfeindlich ist. Und wir ahnen, dass, das, was uns da begegnet, gar nicht in erster Linie Vergangenheit ist, sondern einfach nur die Kehrseite des Wohlstands. Das, was darunterliegt unter dem freundlichen, glänzenden Erscheinungsbild.
Adelina (Gala Othero Winter), Emmas Mutter, ist als Kind italienischer Einwanderer in Zürich geboren. Ihr Vater, ein vom Zweiten Weltkrieg und dem faschistischen Italien gebrochener Ex-Soldat, wird nie heimisch am neuen Ort. Es ist die Mutter, die die Familie durchbringt, aber es reicht zu nichts. Adelina scheint das Unglück ihrer Eltern fortzuschreiben: Sie kann das Lesen nicht lernen, wird zu früh schwanger und vom Vater des Neugeborenen, einem lustigen italienischen Bauarbeiter, bei den ersten Schwierigkeiten sitzengelassen. Mit nichts ausser Schulden und einem schreienden Kind. Und wir erfahren, was es heisst, als alleinerziehende Analphabetin ohne Bleiberecht durch den Alltag zu kommen. Adelina trifft auch nette Menschen, die ihr, zumindest ein Stück des Weges lang, helfen möchten. Streckenweise kommt sie ganz gut klar. So kommt sie nach Italien, begegnet Aktivisten der Roten Brigade, beginnt zu ahnen, dass ihr Schicksal vielleicht nicht nur ein individuelles, selbstverschuldetes ist.
Aber da ist das Kind. Da ist der Stolz, der sich nur so und so lange der Dankbarkeit unterordnen lässt: «Sie brauchte keine Betroffenheit, und sie brauchte auch kein Mitleid, noch nicht, auf Mitleid würde sie sich verlassen müssen, wenn der letzte Rest der Selbstachtung verloren war, wenn es weiter bergab ging wie bisher, von einem Loch ins tiefere Loch.»
Julie Paucker
Lukas Bärfuss, einer der wichtigsten und politischsten Schweizer Autoren, aber auch erfahrener Theatermensch, hat seinen eigenen Roman («Die Krume Brot», 2023) fürs Theater Basel adaptiert und um die Rahmenhandlung der erwachsenen Emma erweitert. Dadurch beginnt und endet die Geschichte in der Gegenwart. Es ist gerade dieser Gegenwartsbezug, der uns beim Zuschauen den Boden unter den Füssen wegreisst. Nein, mit dieser steifen, selbstbezogenen und feindseligen Welt möchten wir nichts zu tun haben. Aber um den Namen einer modernen Gesellschaft zu verdienen, sollten wir genau hinsehen, sollten uns vielleicht fragen, wozu der Wohlstand einer Gesellschaft verpflichtet. Und wer in dieser Gesellschaft lebt, ohne davon zu profitieren. Regisseur und Co-Schauspielleiter Antù Romero Nunes und die Basler Compagnie sind quicklebendig und verspielt wie man sie kennt – aber irgendwie ernster, irgendwie bescheidener, so als hätte sie der Mollton der Armut und des Schicksals der Adelina selbst ein wenig nachdenklich gemacht.
Von: Lukas Bärfuss
Mit: Elmira Bahrami, Andrea Bettini, Fabian Dämmich, Vera Flück, Gina Haller, Kay Kysela, Jörg Pohl, Gala Othero Winter
Autor: Lukas Bärfuss
Konzept: Antú Romero Nunes / Basler Compagnie
Regie: Antú Romero Nunes
Bühne: Matthias Koch
Kostüme: Lena Schön & Helen Stein
Musik: Anna Bauer
Dramaturgie: Michael Gmaj
Licht: Vassilios Chassapakis
Ton: Jan Fitschen, Ralf Holtmann, Christof Stürchler, Arev Imer
Inspizienz: David Böse
Assistenz: Regieassistenz: Nima Aron Zarnegin
Soufflage: Mia Holz
Produktionsleitung: Flavia Kistler
Produktion: Theater Basel
Förderung: Theaterverein Basel, Kantonsspital Basel, Gönnerkreis
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