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Baléstra - Krüttli - Poix
Vielleicht ist das Schönste an diesem Stück, dass Spiel, Text und Regie in der Kreation gleichberechtigt zusammengearbeitet haben. In der Konzeption des Stückes kooperierten Künstlerpersönlichkeiten, die bereits einen Weg zusammen gemacht haben und daher sehr genau wissen, in welcher Form sich das gemeinsame Potential am besten entfalten, resp. potenzieren kann. Erstaunlicherweise sind sie dabei auf Boulevard gekommen – nicht gerade die progressivste Theaterform, sollte man meinen.
Jacqueline heisst der Dreh-, Angel- und Kulminationspunkt dieses Abends, verkörpert durch die unvergleichliche Rébecca Balestra. Die Star-Schauspielerin Jacqueline, dem gleichnamigen Vorbild Jacqueline Maillan nachempfunden, einer Ikone des französischen Boulevards in den sechziger bis achziger Jahren, ist in die Jahre gekommen; trotz einer Karriere, die sich wie eine Himmelsleiter angefühlt haben muss, sind die Engagement-Anfragen abgeebbt, bis nicht mehr vorhanden. Das narzisstische und durchaus destruktive Ego Jacquelines jedoch scheint mit unverminderter Geschwindigkeit weiterzuwachsen. Das äussert sich in einem rasant-aggressiven Sprach-Furor, der auf den etwas armseligen inncercircle der grossen Diva einprasselt. Und den dieser mit rasend komischer Resigniertheit über sich ergehen lässt. Jacqueline, so viel ist klar, ist unsterblich: – alt und bedeutungslos werden – wie alle andern – kommt für sie nicht in Frage. Deshalb plant sie einen letzten, grossen und definitiven Abgang: Sekt, Pillen, etwas Todeskampf, dann Vorhang.
Doch diesem Plan, das eigene Ableben mit Würde über die Bühne zu bringen - ohne dass jemand hinter die Kulissen sähe – scheint sich alles entgegenzuwerfen. Und zwar mit allen dem Theater zur Verfügung stehenden Mitteln: der Text, der ihr – ach, zu spät! – die Hoffnung auf eine letzte «ernsthafte» Rolle zuschanzt. Die Regie, die mehr Freude am Chaos als an der Ordnung hat. Die grandios spielende Entourage Jacquelines, die konsequent alles falsch macht oder versteht, ja sogar die Ausstattung, die in Form von Bühne und Kostüm vieles tut, aber selten das, was die egozentrische Künstlerpersönlichkeit sich vorgestellt hat.
Wer Boulevard für gestriges Theater gehalten hat, möge sich von diesem Abend eines Besseren belehren lassen.
Julie Paucker
Guillaume Poix, geboren in Lyon, ist Autor vieler preisgekrönter Theaterstücke und Romane. Mit der Schweizer Regisseurin Manon Krüttli verbindet ihn eine langjährige Zusammenarbeit, vor allem am Thèâtre de Poche in Genf, wo diese mehrere Jahre artiste associée war. Krüttli absolvierte ihre Ausbildung in Genf, Bern, Berlin und Lausanne. Die in Genf geborene Rébecca Balestra ist das geliebte enfant terrible der Theaterszene der Romandie, berühmt für ihr vielseitiges, nicht zuletzt komisches Talent und ihre Schamlosigkeit. Mit Krüttli und Poix realisierte sie zuletzt das erfolgreiche Stück «Le Père-Noël est une benne à ordures», das mehrere Jahre zur Weihnachtszeit am LE POCHE/GVE zu sehen war.
Konzeption: Rébecca Balestra, Manon Krüttli, Guillaume Poix
Text: Guillaume Poix
Regie: Manon Krüttli
Spiel: Rébecca Balestra, Jeanne De Mont, Jérôme Denis, Simon Guélat
Regieassistenz: Joël Hefti
Bühnenbild: Sylvie Kleiber
Licht: Jonas Bühler
Musik: Andrès Garcia
Kostüme: Severine Besson
Maske und Perücken: Katrine Zingg
Requisiten, Bühnentechnik und Tapezierarbeiten: Alexandre Genoud und Yvan Schlatter
Malerei: Valérie Margot
Zeichnung: Marius Margot
Choreografie: Maurizio Mandorino
Prothesen: Nagi Gianni
Bühnenbau: Ateliers de la Comédie de Genève (Yannick Bouchex und Hugo Bertrand)
Kostümanfertigung: Ateliers de la Comédie de Genève (Aline Courvoisier) sowie Severine Besson, Samantha Landragin, Valentine Savary
Technische Leitung: Alexandre Genoud
Bühnenregie: Romain David, Alexandre Genoud, Joël Hefti
Lichtregie: Florian Gumy
Tonregie: Colin Roquier
Administration und Produktion: Minuit Pile
Pressearbeit: Pauline Cazorla
Kommunikationsfotografie: Sandra Pointet
Aufführungsfotografie: Dorothée Thébert
Produktion: La Fur compagnie
Koproduktion: Comédie de Genève, Arsenic – centre d’art scénique contemporain, Théâtre populaire romand – centre neuchâtelois des arts vivants (TPR)
Mit Unterstützung von: l’Usine à Gaz, Nyon
Mit Förderung von: Fonds Mécénat SIG, Commune de Versoix, Corodis, Loterie Romande, Fondation Ernst Göhner, Action Intermittence – Fonds d’encouragement à l’emploi des personnes intermittentes genevoises (FEEIG)