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der grosse tyrann
Ein Wandertheater zeichnet sich dadurch aus, dass es wandert. Ganz in diesem Sinne haben wir das Frauen-Theaterkollektiv der grosse tyrann gebeten, ihre Wanderproduktion, die bisher nur im Kanton Zürich unterwegs war (dort allerdings an sehr unterschiedlichen Spielorten), nach Yverdon-les-Bains zu bringen und sie auf das dortige «territoire» anzupassen. Denn die Bühne des «Wandatheaters» ist der Weg, den es am jeweiligen Spielort für sein Publikum auskundschaftet und inszeniert.
Das intelligent-unterhaltsame Stationen-Stück beschäftigt sich mit dem Ursprung des freien Theaters und mit der Rolle von Frauen im Theaterbetrieb. Kostüme, Musik, Texte und Performance, die von dem Kollektiv als gleichwertige Elemente behandelt werden, spannen einen lustvoll sprunghaften Bogen von der Renaissance über den Barock bis in eine leicht futuristisch angehauchte Gegenwart.
Grundlage des Stücks bildet eine Recherchearbeit, die den Spuren berühmter Theaterfrauen nachgeht: Die ersten von ihnen traten ab Mitte des 16. Jahrhunderts im professionellen Theater auf, und zwar im Rahmen der Commedia dell’Arte. Erst später, in der Zeit des Barocks, traf man sie auch im Wandertheater in England und Deutschland an. Dort brachten es die «Comödiantinnen» manchmal zu Starstatus. Über ihre schillernde Bühnenpräsenz hinaus waren sie oft auch Managerinnen, sogenannte Prinzipalinnen, die ganze Theatergruppen leiteten. Eine der berühmtesten und innovativsten war Friederike Caroline Neuber, «die Neuberin», welche sich der grosse tyrann als Ikone und Galionsfigur für diesen fröhlichen Ritt durch die Theaterhistorie – spielerisch, musikalisch, ästhetisch – sozusagen vor den Karren gespannt hat.
Neben der Beschäftigung mit Theaterbiografien, die logischerweise am Ende in diejenigen der Performerinnen selbst münden, integriert das Kollektiv in ihre Patchwork-Erzählung auch urbane soziokulturelle oder -politische Themen, die ihnen bei der Erschliessung des jeweiligen Spielortes begegnen. Wir sind gespannt, was sie in Yverdon entdecken und – neben derben Hanswurstiaden, musikalischen Einlagen und barockem Zeitkolorit – mit ihrem Publikum von Bäuerinnen, Adligen, Zeitgenoss:innen, Stadtbürger:innen und Berufskolleg:innen teilen werden.
Julie Paucker
der grosse tyrann ist ein feministisches Kollektiv, welches 2012 von Maude Hélène Vuilleumier (Bühnen- und Kostümbildnerin) und Liliane Koch (Regisseurin, Dramaturgin) gegründet wurde. Die beiden bilden das Kernteam des Kollektivs. Das Wandatheater ist das zweite Projekt, für das sie sich mit Wanda Wylowa (Schauspielerin) und Rosanna Zünd (Musikerin und Komponistin) zusammengeschlossen haben. Alle vier Künstler:innen performen gemeinsam den Spaziergang. Der grosse tyrann interessiert sich für weibliche Ikonen, zu denen sie sich als Künstlerinnen von heute ins Verhältnis setzen. Das Kollektiv hat sich dem Konzept der HERSTORY verschrieben – der Geschichtsschreibung aus feministischer Perspektive.
Kollektiv: der grosse tyrann
Mit: Liliane Koch, Maude Hélène Vuilleumier, Wanda Wylowa, Rosanna Zünd
Konzept: Liliane Koch
Text & Regie: Liliane Koch, Wanda Wylowa
Kostüm & Szenografie : Maude Hélène Vuilleumier
Musik: Rosanna Zünd
Roadie : Mo Pfister
Koproduktion: Patchwork Produktion
Endprobenregie: Sabrina Tannen